Berlinale 2008

Der Ghostwriter – Kritik

Der Ghostwriter (The Ghost Writer) Mit Spannung erwartete man auf der 60. Berlinale die Wettbewerbspräsentation des neuesten Werkes von Oscar-Preisträger Roman Polanski, sollte “Der Ghostwriter” über einen ehemaligen Staatschef und dem Verfasser seiner Memoiren doch nach zwanzig Jahren wieder einmal der erste zeitgenössische Thriller für ihn werden. Die zentrale Figur des früheren Premierministers Adam Lang könnte man als nur leicht fiktionalisierte Person aus dem wahren Leben halten. Die Analogien zu Tony Blair, der von 1997 bis 2007 als Vorsitzender der Labour Partei Premierminister von Großbritannien war, sind nicht nur verblüffend, sondern liefern auch einen brisanten zeitgemäßen Filmstoff. Schlagzeilen im Film wie Großbritanniens Beteiligung und die Unterstützung der USA im Irak-Feldzug sind nahezu unmissverständlich, dennoch entstand die Idee für diese Konstellation bereits15 Jahre bevor Tony Blair an die Macht kam. “The Ghost”, so der passende Titel der Romanvorlage von Robert Harris, bezieht sich sowohl auf den Profi-Ghostwriter, der von Ewan McGregor verkörpert wird, seinem Vorgänger, der auf mysteriöse Weise umgekommen ist, sowohl aber auch auf Adam Lang, der ein Gespenst seines früheren Selbst ist.

Die Erzählweise ist angelehnt an Klassikern des Suspense-Großmeisters Alfred Hitchcock. Wir folgen dem Protagonisten, wie er einen Job annimmt und in eine für ihn entfernte Welt eindringt, in der sich alle Geschehnisse nach perfekt scheinender Logik abspielen. Je tiefer er in die Geschichte involviert wird, desto verrückter wird seine Situation. Wir beobachten durch seinen Blickwinkel wie Personen der Macht Macht verlieren und wie sie sich an ihr neues Leben gewöhnen müssen. Die Reise führt ihn auf eine Insel an der Ostküste, ins Exil des Premiers, wo das abgeriegelte, moderne und sterile Haus den Ex-Politiker zwar vom regnerisch kalten Wetter, jedoch aber nicht von den Kritikerstimmen aus dem Heimatland abschotten kann. Er wird wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Die Essenz des Films lässt sich nicht auf eine einzelne wahre Persönlichkeit eingrenzen. Vielmehr dienen das Spektrum an Beispielen der Verzwickung der Strukturen der Macht und der Aufbau der Politik fern der Öffentlichkeit als Sprungbrett in eine stimmungsvolle Atmosphäre von atemberaubenden Verrat, Bedrohungen und Doppeldeutungen. Die politischen Dimensionen in all ihrem Wahnsinn sind lediglich Taktgeber für unseren Protagonisten und navigieren ihn mit seinem liebenswerten Charme und Sinn für Humor durch die Geschichte. Spannungsgeladene Szenarien entstehen durch das Verhältnis zwischen der Berufsgattin getarnt in der Assistentin des Politikers, die ihren Chef mit einer Loyalität beschützt, die über die normalen Pflichten hinausgeht und der tatsächlichen Ehefrau, die mit dem Ghostwriter etwas Amouröses eingeht. Die Aufgabe des Ghostwriters das Manuskript umzuschreiben stellt ihn nicht nur vor die Möglichkeit, in dem vorhandenen Material einen Hinweis über den plötzlichen Tod seines Vorgängers zu finden sondern auch Licht ins Dunkle zu bringen.

Trotz vielen gängigen Stilmitteln des Genres lässt Polanski in jeder Szene so viel außen vor, dass man seine Indizien immer wieder aufs Neue sortieren muss. Gezielt steuert er einem langsam, aber keineswegs langatmig in eine Falle, damit man am Ende den Höhepunkt genauso intensiv erleben kann wie die Protagonisten. Ewan McGregor geht in seiner Rolle als Sympathieträger völlig auf und wird durchschnittlich von den beiden Frauenparts von Kim Cattrall und Olivia Williams unterstützt. Pierce Brosnan kann sich in seinem fragwürdigen Charakter jedoch nicht großartig entfalten. Untermalt wurde das Ganze mit einem grandiosen Soundtrack von Alexandre Desplat.

Fazit: Polanski liefert einen meisterhaft inszenierten mit Spannung geladenen Thriller über Macht und Korruption und stellt in den Vordergrund, dass Politiker Nutznießer wie Opfer des Magnetismus der Macht sein können. Der düstere Touch gerade am Ende der Geschichte, der zur großen Erkenntnis führt, zeigt, das politische Karrieren oftmals auch etwas von Tragödien haben.

5 von 6 Sternen

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